Tag 18: Stufen…

Stufen (Hermann Hesse)

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

Dieses Gedicht trifft so viele Nägel auf so viele Köpfe. Und grad hier auf dem Camino wird einem das bewusst…

Diese Angst davor, dass Dinge, Freundschaften, Lebensphasen, Beziehungen enden und Angst davor, Neues zu beginnen, statt sich zu freuen, durch neue Türen zu gehen und neue Räume zu erkunden. Irgendwann kann einem das Gewohnte nichts Neues mehr lehren. Aber man verlässt ausgetreten Pfade einfach ungern…

Genau das war für mich immer ein riesen Problem. Mein Leben war immer Ausnahmesituation bisher… Entweder gute oder schlechte. Aber nie normal. Doch genau das war es, was ich immer gesucht habe… Die Normalität und Beständigkeit der Normalos. Aber ich bin trotzdem immer von einem Extrem ins andere geschlittert. Okay, letzten Endes hab ich n Studium abgeschlossen und so… Aber ich hab mich von wirklich ganz ganz unten hochgekämpft… Und eigentlich sollte ich fröhlich von einem Abenteuer ins Nächste hüpfen. Doch wenn ich ehrlich bin, bin ich kein Abenteuertyp… Ich mag Hippie harm und Bauwagenleben, aber in geregelten Bahnen… Wo am besten alles vorhersehbar ist und planbar ist… Diese „sschaiun wir mal“ Mentalität. Ist eigentlich nicht so mein Style… Das überlasse ich lieber anderen…

Trotzdem hat das Gedicht recht… Finde ich…. Ich bin sehr spirituell… Tim, wenn du mitliest… Ich weiß du magst das Wort nicht… Warum eigentlich?

Für mich ist die Frage, warum ich hier bin und lebe und existiere, etwas sehr tiefes und spirituelles. Sie definiert mich, auch wenn es manchem vielleicht nicht so erscheint, der mich kennt… Ich glaube schon, dass es einen Grund dafür gibt, warum ich hier bin und der Grund ist für mich aus allem, was mir so begegnet zu lernen. Ich glaube, dass ales, was mir begegnet eine Lektion ist… Dementsprechend versuche ich auch mit Situationen umzugehen… Dieses stetige Arbeiten an mir selbst ist allerdings schon hart.

Eigentlich sollte es mir dann doch leicht fallen, Situationen zu beenden und in neue Abenteuer aufzubrechen… Aber vielleicht ist das das größte Abenteuer von allen…. Sich treiben zu lassen und zu erleben, was zu erleben ist.

Vielleicht geht es aber auch um einen guten Mittelweg aus Sicherheit und Aufbruch.
Ich weiß es nicht… Fakt ist, man betritt erst neue Räume, wenn man sich traut, Türen zu öffnen.

Ich bin in nen neuen Raum gegangen , indem ich den Camino gegangen bin. Ich beende und beginne hier jeden Tag etwas… Aber auch der Camino wird enden… Und etwas neues beginnen… Darum wollte ich auch nach Finisterre, da der Ort den Kelten den Tod symbolisiert.. Und Tod bedeutet oft Neuanfang. Und ich muss lernen, Dinge zu beenden, neue zu beginnen und auch die loszulassen…

Ich treffe hier so viele Leute, die seit Monaten und Jahren unterwegs sind und den Camino nicht beenden können und sie zeigen mir, wie wichtig es ist, Sachen abzuschließen, wenn man nicht verloren gegen möchte, sondern an ihnen wachsen und zu neuen Ufern aufbrechen möchte.

Das wird eine Aufgabe sein, der ich mich stellen muss.

Heute war lauftechnisch Easy…. Ich kam von Burgos in die gefürchtete Meseta, die ich sehr schön finde und die durch diverse Brauntöne besticht, aber durchaus dabei schön ist..

Man sagt, in der Meseta begegnet man sich selbst… Davor habe ich keine Angst… Ich kenne meine Abgründe. Ich werde versuchen, sie zu genießen.

Ich hatte um 12 bereits 20km gerockt und lass es heute damit gut sein 🙂

Ich werde noch etwas über das Gedicht nachdenken.

Ich habe zum Einen den Eindruck, dass ich einiges richtig mache, aber zum anderen den Eindruck alles verändern zu wollen… Ich bin gespannt, was der Camino dazu noch so zu sagen hat.

Ich knuddel an dieser Stelle das Elfchen mal ganz dolle ❤️

Kommentare

4 Kommentare zu „Tag 18: Stufen…“

  1. Avatar von Ellen Fehlow

    Hallo Winterwanderer,
    Burgos, ja Burgos – ich ging nicht in die Kathedrale! Nicht nur der Preis hielt mich davon ab…
    Nun wo ich deinen Bericht gelesen habe … genau dieselben Fragen stellte ich mir sehr oft in den Kirchen und Kathedralen. Wie kam dieser Reichtum zu stande? Wer musste dafür bluten?
    Dann änderte ich meine Strategie ein wenig und bewunderte die Baumeister, Handwerker etc.
    Du sprichst mir oft aus der Seele.
    Ich schrieb dir mal im FB – in deiner Aufbruchphase – geh los, es ist dein Weg, alles wird sich finden … und wenn ich deine Berichte lese – es ist dein Weg!
    Möge das neue Jahr viele Abenteuer bereit halten, die dich fordern und herausfordern werden … Danke dass ich mit dir noch einmal ‚meinen Weg‘ gehen darf… Buen Camino – Ultreia
    Herzlichst Ellen

  2. Avatar von Ellen Fehlow

    Hallo Winterwanderer,
    Burgos, ja Burgos – ich ging nicht in die Kathedrale! Nicht nur der Preis hielt mich davon ab…
    Nun wo ich deinen Bericht gelesen habe … genau dieselben Fragen stellte ich mir sehr oft in den Kirchen und Kathedralen. Wie kam dieser Reichtum zu stande? Wer musste dafür bluten?
    Dann änderte ich meine Strategie ein wenig und bewunderte die Baumeister, Handwerker etc.
    Du sprichst mir oft aus der Seele.
    Ich schrieb dir mal im FB – in deiner Aufbruchphase – geh los, es ist dein Weg, alles wird sich finden … und wenn ich deine Berichte lese – es ist dein Weg!
    Möge das neue Jahr viele Abenteuer bereit halten, die dich fordern und herausfordern werden … Danke dass ich mit dir noch einmal ‚meinen Weg‘ gehen darf… Buen Camino – Ultreia
    Herzlichst Ellen

  3. Avatar von Jana Roth
    Jana Roth

    Es ist wichtig, dass du deinen neuen Raum betreten hast und ebenso wichtig zu erkennen, dass auch dieser nur eine Station ist. Aber er wird dich prägen und du wirst Fensterläden öffnen, wodurch ein neues Licht in diesen Raum fluten wird. Erinnere dich daran, wenn du zurück bist und an all diese wunderbaren, merkwürdigen, manchmal sehr strangen und scheinbar zufälligen Dinge. Sie helfen im Hier und Jetzt des „normalen Lebens“ um auch dort die Kleinigkeiten, das Unscheinbare wahrzunehmen und den Einengungen und dem Willkürlichen und der Routine etwas entgegenzusetzen – den spirit den du auf dem camino erfahren darfst. Für mich war die Lektion Leben nach dem camino genau das: trage diesen spirit mit dir und nach hause und weiter in die Welt!
    Ultreia

  4. Avatar von Jacqueline Richter
    Jacqueline Richter

    😉 ich bin mir sicher ich bin auch irgendwie ein Hobbit…aber ein schizophrener 😉

    sitz ich zu Hause, hätte ich gern Abenteuer….bin ich unterwegs, wünsch ich mir die Ruhe und Behaglichkeit von zu Hause…

    Und ein dicker Knuddel zurück! 🙂

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