Ohrenschmerzen, Bombenalarm und der Sinn des Lebens…

(https://deavita.com/lifestyle/keltische-symbole-knoten-bedeutung.html)

Heute folgt mal ein längerer Text. Aber das ist ja ein Blog und nicht Twitter 😀 Da ich heute mit Ohrenschmerzen krank zuhause geblieben bin und nicht arbeiten gegangen bin, dachte ich, ich nutze die Gelegenheit, um mich mal ausführlich und langatmig den Gründen zu widmen, die einen auf den Camino treiben. Dem Mann wird in der Erkältung eh schnell mal die Endlichkeit der Existenz bewusst und darum ist das natürlich mal ein guter Aufhänger. Und ganz ehrlich: Die Sinnhaftigkeit hinter so einem Vorhaben ist auch für mich an dieser Stelle wichtig. Und ich denke, auch für jeden anderen Menschen, der den Camino geht und ging. Are you ready? Here we go!

Ich hatte ja schon kurz angerissen, warum ich vorhabe das zu tun. Ich kann es aber nicht auf einen Hauptgrund (Spiritualität, Religion, Ablass von Sünden oder Abenteuerlust oder Midlife-Crisis) festmachen. Ich glaube für mich spielen da mehrere Sachen eine Rolle, die im Endeffekt eine persönliche Motivation bilden. Ist bei euch doch auch so, oder? (Schreibt gerne in den Kommentaren mal, warum ihr losgezogen seid!)

Klar, bei mir ist es zum einen Abenteuerlust. Ich habe keinen Bock mehr dazu, immer anderen beim Abenteuererleben zuzuschauen und mir ist klargeworden, dass Abenteuer nicht immer bei einem an der Tür klopfen und sagen: „Hallo, hast du mal Zeit?“ Wobei das bei mir nicht ganz stimmt, denn ich gerate öfter mal in absurde Situationen, die auch im Nachhinein abenteuerlich sind. Wie zum Beispiel vor ziemlich genau 2 Jahren, im Dezember 2016, als mich Nachts einige Polizisten (es waren eigentlich mehrere Einsatzwagen mit Blaulicht und Polizisten mit Hand auf der Waffe und später kam dann noch ein kompletter Löschzug der Feuerwehr und ich stand die ganze Zeit in Unterwäsche da…) aus dem Bett holten, weil ein paranoider Mensch die Polizei anrief und sagte, ich hätte eine Bombe in der Wohnung (Damals Studentenwohnheim). Die Polizei stürmt also Nachts in meine Wohnung, durchsucht sie, ich stehe da in Boxershorts und meinem „Akademiker und Single mit Niveau“-Shirt und auf dem Wohmheimsflur kriegen sich die Studenten vor Lachen nicht mehr ein… Nachdem die Polizei keine Bombe gefunden hat fragten die mich tatsächlich, ob ich nicht vielleicht was scharfes gekocht hätte…. 

Also Abenteuer begleiten schon meinen Alltag, aber es gibt ja zwei Sorten von Abenteuern.. Die Abenteuer, in die man gerät. Wie Stürme, Sharknados, brenzlige Situationen mit Krokodilen oder halt Polizei im Schlafzimmer… und es gibt Abenteuer, in die man zieht. Trekkingreisen nach Indien,  brenzlige Situationen mit Krokodilen, oder mit ner Gruppe Zwerge den Berg von Smaug, dem Drachen, zurückerobern. Diese Art Abenteuer, in die man freiwillig zieht, hatte ich irgendwie nie. Erstere aber schon. Es war immer so, dass alle um mich herum coole Sachen machten und ich saß Zuhause und dachte mir so: „Soooo cooool. Ich wünschte, ich würde das auch machen.“ Und habe mir immer vorgestellt, wie toll es wäre, mal in ein Abenteuer zu ziehen…. aber ich habs irgenwie nie getan. Jetzt, wo ich 40 werde und der Tod naht, habe ich gedacht… wenn ich nicht in ein Abenteuer ziehe, werde ich auch nie eins erleben. Ich sage das täglich meinen Klienten. „Veränderung kommt nicht, wenn du davon redest, Veränderung kommt, wenn du Dinge veränderst!“ So Erwachsenengelaber eben..

Zufällig ausgewähltes Abenteuerbild aus Google. Wobei ich mich frage, was daran abenteuerlich ist, wenn man auf dem Dach eines Autos sitzt. Vermutlich muss man sich Löwen und Krokodile dazu vorstellen.
(http://www.reiseberatung.de/urlaubsthemen-a-z/testseite-visitlead/)

Und so ist mein Caminoentschluss sicher irgendwo Abenteuerlust. Mal einfach losgehen und gucken was passiert. 🙂 

Zum anderen ist es auch mal ein guter Anlass um Rückschau auf 40 Jahre Leben zu halten, die nicht immer leicht waren. Doch dazu an anderer Stelle vielleicht mal mehr. 

Auf jeden Fall ist es mindestens zu 50 Prozent ein spititueller Entschluss, mich auf den Camino zu wagen. Und das sage ich nicht nur, weil es cool und spirituell klingt. Mit so nem Touch von Räucherstäbchen und Batiktüchern. Ne, wenn ich ehrlich bin, war Spiritualität und religiöse Sinnsuche immer ein bestimmendes Thema in meinem Leben, seit ich mit 9 gemerkt habe, dass ich irgendwann sterben werde. Das war ein derartig einschneidendes Erlebnis für mich, dass seitdem die Auseinandersetzung mit meiner Existenz immer ein bestimmendes Thema für mich war.

https://www.zeit.de/wissen/2018-02/galaxie-planeten-ausserhalb-milchstrasse-entdeckung

 Wo stehe ich denn religiös/spirituell? Das ist mega die schwere Frage für mich. Mich würde auch mal interessieren, wie ihr die für euch beantwortet. Schreibt mal in die Kommentare. 🙂 Also ich war immer jemand, der Bock hatte, sich einer Religion zugehörig zu fühlen, aber immer irgendwo zu freigeistig war, sich dann irgendwo zugehörig zu fühlen.

Am Christentum mag ich die Hinwendung zur Einfachheit. Im Ursprungschristentum. Zu sagen, man braucht nicht viel um ein erfülltes Leben zu haben. Besitz belastet und verpflichtet und je weniger man hat, desto freier ist man eigentlich. Da ich auch nie was hatte, kam mir diese Haltung immer entgegen und gerade Diogenes und Seneca sagen das auch. Ich mag auch den Gedanken an einen Schöpfergott, der über allem steht. Wenn ich über Gott nachdenke, dann ist das auch mein Bild. Gott ist alles. Ich bin Teil Gottes. Und dementsprechend heißt das auch, dass ich mich, wenn ich mich mit meiner Existenz auseinandersetze, mich mit Gott und dem Sinn, warum alles ist, wie es ist, auseinandersetze. Also, das Christentum hat schon so seine Vorteile. Aber auch seine Nachteile. Ist Klar, oder? Ich habe mich auf den grauen Kirchenbänken mit Orgelmusik und abgelesenen Lobpreisungen nie spirituell Zuhause gefühlt. Ich fühle Gott dort nicht. Darum finde ich Aspekte des Christentums gut, aber definiere mich nicht als Christ.

Am Islam wiederrum mag ich den „direkten Draht“ zu Gott. Es gibt da nicht viel Chichi zwischen mir und ihm. Es gibt Gott und das Gebet zu Gott. Das finde ich cool und viel direkter als im Christentum. Allerdings nervt mich am Islam, dass er soviel Einfluss auf meine Lebensgestaltung nimmt und so viel gesellschaftlich vorschreibt, Religion ist immer ein soziologischer Akt und ich bin halt eher spirituell und das ist eher ein persönlicher Akt. Darum mag ich am Islam den direkten Draht zu Gott, würde mich aber nicht als Moslem definieren. 

Am Buddhismus mag ich den spirituellen Aspekt. Der Buddhismus sagt, es ist deine Art zu sein, mit der du dich auseinandersetzen musst und sie in Einklang bringen musst mit deinem Bild von Gott. Das ist cool! Die ersten, die sagen, dass man in sich selbst schauen soll. Denn genau darum geht es ja, finde ich. Nicht einfach irgendwelche Liturgien runterleiern, sondern etwas zu empfinden und sein Leben danach auszurichten. Der Buddhismus sagt, man ist hier um zu lernen. Wenn man seine Lektionen lernt, dann wird man mit neuen Lektionen wiedergeboren, bis man irgendwann erlöst wird. Und sowohl dieses Wiedergeburtsthema, als auch diese Lektionsgeschichte empfinde ich tatsächlich auch so. So rein für mich. Ich versuche aus allem eine Lehre zu ziehen und an mir zu arbeiten. Immer schon. Und das ist auch der einzige Weg, damit klarzukommen, dass einigen Lebewesen hier auf der Welt so unfassbar viel Leid geschieht. Die einen müssen schlimme Erfahrungen machen, die anderen dürfen bessere machen. Das macht die Sache nicht besser und soll um Himmels Willen kein Plädoyer dazu sein, wegzuschauen, wenn andere Leiden. Im Gegenteil: Mitleid ist ein Zentrales Thema im Buddhismus. Leidenden beizustehen. Nicht, um seine eigenen Karmapunkte aufzubessern, sondern aus Mitleid. Naja… aber so sehr ich mich auch anstrenge, ich bin einfach kein Asiate. Diese Mantras und Lotussitze und so sind einfach nicht meins. Ich mag vieles am Buddhismus, aber ich bin kein Buddhist.

Das germanische Heidentum (Asatru). Ja… das ist schon ne coole Sache 🙂 Und es ist toll, dass sich das immer mehr wiederbelebt. Es gibt vieles, was ich am Asatru (Oder auch der feinen Sitte) mag. Aber zuerst muss ich da mal die Gottessache klären. Im Asatru ist es so, dass es viele Götter gibt. Die Asen und Wanen und die Riesen, Zwerge, Alben, viel Naturgeister und so. Die Asen leben in Asgard, einer Welt irgendwo im Weltall. Ihre Welt und andere Welten sind durch Yggdrasil, der Weltenesche, miteinander verbunden und die Götter reisen über die Regenbogenbrücke Bifröst zwischen den Welten. Naja. Ich denke mal, ihr wisst eigentlich alle so ein bisschen Bescheid, oder? Ein ausführlichen Asatrubeitrag kann ich mal machen, aber dann an anderer Stelle. Was ich am Asatru toll finde ist, zum einen die Suche nach den eigenen Wurzeln, da das eine Religion ist, mit der ich alleine schon durch mein Deutschsein verbunden bin. Ich mag es, dass die Götter und Geister in der Natur selbst sind und damit viel unmittelbarer erfahrbar sind. Im Wind, oder dem Flug der Vögel, Bäumen, Wasser… Man ist sehr unmittelbar mit ihnen in Kontakt, wenn man sich auf sie einlässt. Zum anderen fasziniert mich am Paganismus die Symbolik. Jeder Gott, jede Rune stellt einen direkten Bezug zu Aspekten der eigenen Persönlichkeit und Psyche da, so dass die Beschäftigung mit Runen und Göttern immer auch eine Beschäftigung mit dem eigenen Ich ist. Oder Selbst. Da gibt es ja ganze Bücher drüber, über den Unterschied zwischen Ich und Selbst. oO … Was mir noch sehr gut gefällt ist, wenn man den Göttern opfert, sagt man: „Yo Odin, alte Hundelunge. Ich opfer dir hier mal n Pfund Hackfleisch, dafür möchte ich bitte Glück in der Schlacht haben, okay?“ Das ist natürlich jetzt völlig überzeichnet, aber im Kern schon so. Man bittet konkret um was und gibt was. Super Sache. Habe ich schon oft ausprobiert und es funktioniert, wenn man sich wirklich damit beschäftigt. Denn: Die Auseinandersetzung mit den Göttern ist eine Auseinandersetzung mit sich. Psychotheraphie pur. Funktioniert. Aber ein purer Heide bin ich nu auch nicht, da ich irgendwo auch diese anderen Aspekte in mir habe. Was bin ich denn nun also?

https://www.zeit.de/wissen/2018-02/galaxie-planeten-ausserhalb-milchstrasse-entdeckung

Mich hat sicher mein Uropa beeinflusst, ohne dass er es wusste. Denn er starb, bevor es mich gab. Kann aber sein, dass er als Gespenst mir gute Ratschläge gab. Er war Freimaurer und ich habe viele Bücher von ihm geerbt und mich auch viel mit Freimaurerei beschäftigt. Ein wichtiger Aspekt der Freimaurerei ist Symbolik. Arbeiten mit Symbolen und die verschiedenen Aspekte an Symbolen in die eigenen Persönlichkeitsgestaltung einzubeziehen. Man muss nicht alles an einer Sache mögen um davon zu profitieren. Aber man kann alles als Symbol nutzen, um daraus zu lernen. Es ist garnicht schlimm, wenn ich nicht 100% Christ bin, solange ich aber aus der Einfachheit und der Beschäftigung mit Gott einen Nutzen ziehen kann. Es ist auch nicht schlimm kein Asiate zu sein (was ich schon gern wär, dann wär ich wenigstens gut in Mathe), aber trotzdem kann Mitleid und so mich als Mensch weiterbringen. Man muss nicht irgendwas sein. Man kann sich auch aus Teilaspekten sein eigenes machen. Und wenn man offen ist für Veränderungen und Entwicklungen, dann kommt man wirklich auch weiter im Leben. Zumindest ich und ich wünsche das auch allen anderen. Ich denke, diese Art religiösen und spirituellen Empfindens nennt man „Synkretisch“. Man sucht sich Teilaspekte des Einen und baut sich daraus etwas neues. Und eigentlich, fühlt sich das für mich ganz gut an 🙂

Darum habe ich beschlossen nicht nur den christlichen Camino zu gehen, sondern auch den keltischen Sternenweg, den  heidnischen und buddhistischen und wasweissich für Aspekte daran mitzunehmen und einfach bewusst die Sache anzugehen… Am Anfang den Göttern zu opfern, damit sie mir nicht geben was ich mir wünsche, sondern was ich brauche. Odin war überigens selbst immer ein Wanderer, der Weisheit bei Wanderungen gefunden hat. Ich finde, alleine der Entschluss, sich auf so einen Weg zu machen, ist schon ein spiritueller Akt. Ich werde mich ganz christlich mit Vergebung und meinen Sünden beschäftigen, aber auch mit dem Tod, mit dem Leben, mit Herausdorderungen und Selbstüberwindungen… Und das ist so toll… wenn man offen dafür ist, bietet der Camino einem alles davon und ich bin gespannt, was da so alles passiert.  Ihr werdet es erfahren.

Aber mal eben zum Thema Sünde: Ich persönlich habe generell ein Problem damit, zu glauben, dass mir meine Sünden vergeben werden, wenn ich nach Santiago de Compostela latsche. Dann hätte Göring auch in Nürnberg sagen können: „Kann ich nicht statt der Todesstrafe lieber nach Santiago pilgern? Da werden mir alle Sünden vergeben.“ Ich glaube, so funktioniert das mit den Sünden eh nicht. 

Für mich gibt es einen Unterschied zwischen Fehlern und Sünden. Fehler tut man, weil man es nicht besser weiß und absehen konnte. Jeder Mensch macht Fehler und ich würde es niemals wem vorwerfen, dass er Fehler macht. Sünden tut man, wenn man etwas tut, von dem man weiß, dass es nicht richtig ist. Oder wenn man aus Fehlern nicht lernt. Das sind Sünden. Wenn ich einen Hund trete und er jault und hat Schmerzen und ich wusste das nicht, dann ist es ein Fehler.  Wenn ich aber einen Hund trete und er jault und ich wusste, dass es ihm wehtut, dann ist das eine Sünde. Und ich glaube nicht, dass ich dann einfach nach Santiago gehe und auf einmal sind meine Sünden vergeben. Ich denke, es ist wichtig, zu bereuen, wenn man gesündigt hat. Es ist wichtig, sich damit auseinanderzusetzen und daraus zu lernen und künftig vielleicht anders zu handeln. Aber niemand kann kommen und einem die Sünden vergeben. Man kann selbst irgendwann entscheiden, dass man nach vorne schauen will, in dem Wissen, dass man daraus gelernt hat, aber Absolution… Mein Gott… das wär was, wenn man das einfach so kriegen könnte, oder? Mir tuen eine Menge Dinge, die ich getan habe, sehr leid. Wirklich. Vielleicht ist Santiago ein tolles Symbol, sich ausführlich auf demWeg mit all dem zu beschäftigen, was man bisher falsch gemacht hat und sich dann irgendwann selbst zu vergeben. 🙂 Und genau diese Symbolik ist es, die mich auf den Camino zieht.

https://roth-cartoons.de/projekt/als-gott-die-hummel-erschuf/

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