Tag 14: Was die Leute alles sagen….

Oft verdreht man ja die Augen und säufzt innerlich, wenn die Leute mit guten Ratschlägen um die Ecke kommen. Man möchte gerne seine eigenen Fehler machen und auch auf eigene Faust tolle Dinge erleben, ohne dass vor dir schon jemand da war.

Okay, der Kater, mit dem ich n Bild gemacht habe, hat sich echt als Bitch rausgestellt… Er ist mit tausenden Leuten auf tausenden Bildern und ich dachte, das zwischen uns war was Besonderes… *Schnief*

Aber wie dem auch sei: Heute möchte ich mal 3 Lanzen brechen für alle die, die anderen Ratschläge erteilen und Vorschläge machen. Und zwar in Form von Beispielen.

Beispiel 1: „Geh deinen eigenen Camino. Nicht den der anderen…“

Ja, lieber Nicola aus Mailand, der Satz hat meinen Camino verändert. Es ist leicht, Menschen hinterherzueifern, denen augenscheinlich alles gelingt. Sie laufen easy 30km, haben nur 350g Gepäck dabei, kennen alle Geheimtipps in jeder Location, sehen gut aus, sind eloquent und beliebt… Und man will gerne alles so tun wie sie, weil es so richtig aussieht… Darum geht man die gleichen Etappen wie sie, versucht so schnell sein wie sie, in die gleichen Herbergen zu kommen wie sie Und ihren Camino style mitzugehen… Aber es ist oft anstrengend, die Etappen sind lang, die Pilgermenues teuer und den tollen Rotwein den sie trinken, magst du eigentlich garnicht… Und so bist du gestresst und hetzt dich auf deinem Camino, um alles richtig zu machen… Obwohl du es insgeheim gerne anders machen willst…

Und dann kommt Nicola, der den Weg einfach andersrum geht, also von Santiago nach St Jean und sagt so:“Ist doch dein Camino, geh ihn doch so wie es für dich richtig ist. Wer sich immer nach den anderen richtet, geht ihren Camino , nicht seinen.“

Um man denkt sich so Fuck., er hat recht und er ist Italiener, aso kennt er sich mit Pizza aus… Ich muss dringend was ändern…

Seitdem gehe ich viel bewusster und versuche nicht immer meiner Peergroup hinterherzurennen um abends im Schlafsaal Smalltalk zu haben (der toll ist, aber ich will ja mich selbst erleben und erfahren, social life kann ich auch zuhause haben). Es ist mein Camino und meine Erfahrungen und der Camino hat für mich ganz eigene Abenteuer, mit Wölfen, Autobahnen, Pilgerlegenden… Und da ist ja auch der Sinn der Sache. Den Mut zu haben, seinen eigenen Weg zu gegen, im wahrsten Sinne des Wortes… Meine Peergroup habe ich mittlerweile verloren, aber was ich alles gewonnen habe…

Albernerweise dachte ich immer, ich bin so der oberunabhängige Megafreigeist… Aber durch meine Bemühungen, immer alles Richtig zu machen, also so wie die anderen, bin ich viel unfreier und abhängiger von anderen als ich dachte… Mittlerweile habe ich den Mut, Sachen auf meine Art zu machen… Und es funktioniert. Man kann sich ja trotzdem die Ratschläge der anderen anhören… Aber ob man sie annimmt, sollte man selbst entscheiden… Es ist nur euer Camino, wenn ihr euren Camino geht.

Beispiel 2: „Geh nach Granon, wenn du kannst, da ist ne geile Herberge…“

Hab ich ja gestern schon erzählt, ich bin nach Granon gegangen und dort war ne geile Herberge. Und die Erlbnisse dort waren so tief und krass, dass ich einen völlig neuen Aspekt des Caminos entdeckt habe… Nicht nur den, dass es für die Leute, die am Camino leben, etwas zutiefst religiöses ist, dass Menschen 800km zum Grab des Jakobus pilgern um ihre Sünden erlassen zu bekommen… Wir sind für Sie und Ihren Glauben ein Symbol. Nämlich dafür, dass es nicht alles hohles Gelaber ist, was die Priester vor ihren goldenen Hochaltären predigen, für die tausende Indianer ermordet wurden… Dafür, dass ihr religiöses Weltbild lebt und es Sinn macht zu beten. Dafür standen sie gestern auf, als der Priester mich nach vorne rief, um meine Pilgerfahrt zu segnen, und beteten für mich und schickten ihre eigenen Hoffnungen und Gedanken mit mir mit. Man Pilgert nicht nur für sich… Zwar hauptsächlich, aber man hat als Symbol Verantwortung. Man sollte sich damit auseinandersetzen, was Pilgern bedeutet… Für einen selbst und für andere… Ich habe oft den Eindruck, Pilgern ist ein Lifestyletrend, doch der Abend gestern hat mir gezeigt, dass es für viele sehr viel mehr ist…

Und er hat mir gezeigt, dass es um meine Seele geht… Um mich… Dass ich nicht nur laufen soll, sondern dass ich dabei denken und erleben soll und erfahren soll und dass dieser Camino für jeden Einzelnen ein ganz eigenes Erlebnis ist und jedem etwas anderes gibt, wenn man zuhört.

Ich bin sehr viel spiritueller und aufmerksamer für mich selbst aus Granon weggegangen… Sich mal bewusst zu machen, was man da grad macht und warum und was es bedeutet und bewirkt…

War ein guter Tipp mit Granon 💕

Beispiel 3:“ In villambistia gibt es das beste Essen auf dem Camino.“

Ich hätte heute einfach 15km nach Belorado gehen können statt 22 und jetzt lachend und feiernd mit Leuten zusammen in einer Herberge sitzen können… Aber mir hatte gestern wer gesagt, es gibt hier gutes Essen… Und ich mag gutes Essen, also ging ich 7km weiter nach Villambistia 🙂

Ich kam in ein spookiges Dorf, in dem Goldfische im Dorfbrunnen schwammen.

Die Albergue ist in/über einer Kneipe und die Dorfbewohner guckten mich finster an und im Hintergrund lief echt ein Horrorfilm… Der Schlafsaal wurde noch renoviert, darum konnte ich nicht rein… Kein guter erster Eindruck… Dann war ich auch noch der einzige Pilger hier… Gruselig popuselig…

Die sehr nette Hospitalera brachte mir zur Überbrückung der Wartezeit Oliven aus dem Dorf, die überraschend lecker waren… „Okay,“, dachte ich, „Wenn sie dich zersägen, wollen sie dich wenigstens vorher mästen…“

Ubd ich fühlte mich auch gleichzeitig etwas beschämt, ob meines mediterranen Missgeschicks, einige Tage zuvor, wo ich froh war, dass es keiner gesehen hat… Ich lief so von Estella nach Torres del Rio und kam so an Olivenbäumen vorbei, die voller Oliven hingen. Und ich hatte am Vortag Leute Oliven ernten sehen, also dachte ich mir, ich teste mal dolce Vita und pflück mir ne Olive vom Baum und fress die und fühl mich dabei megaspanisch oder so… Und beiss da rein und hätte noch nie sowas bitteres im Mund.. Mein Mund war sofort Staubtrocken und ich dachte nur so „Fuck… Was geht?“ Ich schleuderte entsetzt meinen Rucksack von mir und suchte den tollen, superteuren, frischgepressten Osaft raus um mir den Mund auszuspülen und die Mischung aus unreifer Olive und Osaft brachte mich erstmal zum Übergeben… Ich war echt froh, dass das keiner gesehen hatte… Und dementsprechend Misstrauisch beäugte ich die mir dargebotenen Oliven… Aber die schmeckten würzig, mediterran, nach castangnetten und Flamenco und so… Sehr gut…

Ich schlich in den Schlafsaal, wo ich der einzige war und bin und hoffte, nicht ermordet zu werden und dann kam um 7 das Essen…

Alter Schwede…

Vorspeise Pasta….

Die beste Pasta, die ich je gegessen habe… Ungelogen, würzig, fruchtig, al dente, cremig… HAMMER! Dazu frisches Brot und obwohl ich kein Weinfan bin, der Wein aus eigenem Anbau schmeckte erfrischend und gut dazu… WAAHNSINN!

Ich dachte, das war alles und Wollte nach oben geheb, da kam sie mit der Hauptspeise um die Ecke: einem Salat… Ich hab sowas noch nie gesehen, oder gegessen…

Riesig, mit Nüssen, Beeren Obst, Avocado, Salaten, Kräutern, Gewürzen, Gemüse, Olivenöl… Leute.. Wie krass… Das war der geilste Salat, den ich je hatte… Und ich habe für Abendbrot UND Frühstück morgen früh nur 10 Euro bezahlt… Dazu gabs Wein, Brot, n Eis meiner Wahl aus der Truhe zum Nachtisch UND ne Umarmung der Köchin, nachdem ich sie bat, bitte niemals mit dem Kochen aufzuhören…

Ich hätte in Deutschland dafür gerne 30 oder 40 Euro bezahlt.. Das war Soooo gut und ich bin jetzt sooooooo satt… Wahnsinn…

Also, wenn euch wer sagt, geht nach Villambistia in die Municipal und esst dort: TUT Es!!!

Ich bin froh, es getan zu haben 🙂

Und gehe gleich vollgefressen ins Bett und sage danke an alle, die auch mal gute Tips und Ratschläge geben 🙂

Kommentare

Ein Kommentar zu „Tag 14: Was die Leute alles sagen….“

  1. Avatar von Audrey im Wanderland

    Ich lese nach wie vor begeistert mit und bekomme gerade eine kleine Fressneid-Attacke. Der Salat sieht mega aus! Wie schön, dass du Dinge entdeckst, die ich verpasst habe und dafür auf andere verzichtest (Bercianos war bei mir der legendäre Eurovision Song Contest). Das ist wohl das Tolle am Camino: es gibt überall Wunder zu entdecken. Weil man dort hingeschickt wird oder weil man sie per Zufall findet. Aber da sind sie immer.
    Ich verfolge hier Schritt für Schritt, wie du bei dir ankommst – ohne dich vorher gekannt zu haben oder dich jetzt zu kennen. Aber irgendwie spüre ich, wie sich deine Texte verändern, wie du den Kopf frei hast für größere Gedanken und wie du dich Tag für Tag noch freier läufst.
    Was für ein Glück, dass du es mit uns teilst! Mach bitte so weiter.
    Und nimm dir einen (Pausen-)Tag für León, wenn du da bist (Tips anderer Leute und so 😉). Das war für mich die beeindruckendste Stadt auf dem Camino. Und die schönsten Kirchenfenster aller Zeiten. Und die beste Empanada aller Wege und und und.
    Ich will keine Schleichwerbung machen, aber falls du noch Gründe brauchst, guckst du noch mal hier https://audreyimwanderland.com/2018/09/30/caminofrances_pausentag-leon/

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