Tag 8: … und manchmal bist du der Camino für jemanden…

Heute mal kein Spruch, ich komme nicht an meinen Rucksack.

Federico, dich grüße ich heute ganz besonders 🙂

Doch zunächst einmal erwachte ich und sprang die Herbergstreppen hinunter wie ein junges Reh mit BMI 40+… Doch ich fühlte mich gut und 5km waren mir eigentlich zu wenig heute. Ich beschloss einfach loszuziehen und zu gucken, wie weit ich komme. Ohne Ziel, ohne Plan.. das ging jedoch beinahe gefährlich aus.

Ich verabschiedete mich von den Nonnen mir Umarmungen und wir alle hatten Tränen in den Augen. Es ist toll, dass es solche Pilgerstationen gibt.

Meine Füße waren verarztet und ich düste los wie ein motivierter, aber schwitzender Zug 🙂

Ich kam auch gut voran. Auf dem Weg traf ich Nicole wieder. Sie war mit in der Herberge und ist echt n hohes Tier in ner Chipherstellungsfirma. Auf dem Camino sind wir aber alle gleich.

Wir kamen ins reden und sie erzählte unter Tränen, dass sie den Camino geht, weil sie auf ein Wunder hofft, denn der 4jährige Sohn eines Freundes hat Krebs und sie hofft auf Heilung. Das Ganze geht ihr sehr nah.

Aber der Camino gibt dir nicht was du dir wünschst, sondern das, was du brauchst. . Und so, wie andere für mich der Camino sind und mir sagen und geben was ich brauche, so muss und bin auch ich der Camino für andere.

Und ich begann ein sehr intensives Gespräch mit ihr, dass sie sehr zum Weinen brachte. Wir redeten über Gott und seine Pläne, über Ungerechtigkeiten und traurige Dinge und ich sagte ihr, dass es sehr ungerecht ist, dass das Kind Krebs hat und vielleicht stirbt. Es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Welche Schuld hat ein Kind an der Welt?

Es ist gut, wenn sie darüber sauer ist und verzweifelt und ich fragte sie, was sie über die letzte Ölung weiß. Es geht in der letzten Ölung sehr oft um ein „Okay“… für die Angehörigen und die Betroffenen. Um Loslassen und akzeptieren können. Um einen richtigen Umgang mit solchen Situationen zu finden.

Ich wusste, dass ich ihr wehtat und es tat mir weh. Aber das Gespräch war, wie es war. Ich sagte ihr, dass es sein kann, dass ein Wunder geschieht und dass ich ihr und dem Kind das wünsche. Es kann aber auch sein, dass kein Wunder geschieht. Dass nichts gut wird und ich fragte sie, ob sie losgezogen ist, weil sie es nicht schafft, die Situation so wie sie ist zu akzeptieren… dass sie versucht alles zu finden auf dem Camino, nur nicht den Punkt, wo sie sagen kann „Es ist wie es ist. Lasst uns damit umgehen.“

Da brach sie dann innerlich zusammen. Das konnte man richtig sehen und das war schlimm. Ich sagte ihr „Vielleicht ist es genau das, was der Camino für dich hat… einen Prozess,an dessen Ende das Annehmen der Situation steht… vielleicht gehst du den Camino viel mehr für dich als du denkst.“

Es war ein hartes und deepes, aber gutes Gespräch und ich glaube, es hat ihr geholfen.. manchmal muss man halt selbst der Camino sein… sie setzte sich dann ab und das war okay und ich kam bei ein Café an und traf den Belgier wieder.. ein netter Typ, der die Coronagesetze in Belgien geschrieben hat… wir verstehen uns gut und frühstückten gemeinsam..

Dann ging jeder seiner Wege aber wir fanden heute ständig überraschend wieder aus unterschiedlichen Richtungen zusammen. Mal hatte er sich verlaufen und ich munterte ihn auf, oder er mich 🙂

Irgendwann verlor ich dann aber den Camino…bei Hitze und Sonne und als ich ihn wiederfand, und vor mir mehrere Kilometer Steigung lagen ohne Orte, war mein Wasser alle. Und da begann für mich echt ne Tortur.

Ich meine… man schwitzt viel auf dem Camino mit Rucksack und wenn dann noch die Sonne knallt und es so Geröllpafde sind, da merkt man es schnell, wenn kein Wasser da ist und ich merkte, wie mein Energielevel immer weiter sank… ich machte immer mehr Pause, lief immer weniger…aber war mitten in nem Naturschutzgebiet… weit und breit kein Haus um nach Wasser zu fragen.

Ich setzte mich an den Wegrand und war superkaputt…immerhin war in in der Sonne auch schon 20km gelaufen… da kam der Belgier plötzlich von hinten auf mich zu, obwohl er zuletzt vor mir war und motivierte mich zum gehen… es war die Hölle, denn ich war einfach durstig, überhitzt und kaputt…und hatte 4 Blasen an den Füßen. Er teilte mit mir sein letztes Wasser. Trotzdem fiel ich immer weiter zurück…. irgendwann kamen wir nach 5km an ein Haus..

So albern es klingt, ich konnte nur noch „Agua“ sagen und musste mich dann hinsetzen und er, weil er französisch sprach und merkte,, dass ich durchgefeiert war, organisierte einen Dorfbewohner, der uns die letzten 3km nach Carjac brachte… so war er diesmal der Camino für mich. Keine Ahnung wie das sonst ausgegangen ist… aber der Camino sorgt für den, der sich auf ihn einlässt. M

Ich hätte auch keinen Schritt mehr tun können…ich war Ausgebrannt, hatte Durst und Sonnenbrand und war einfach am Ende 🙂 Aber seine Grenzen kennenzulernen ist ja auch gut.

In der Herberge traf ich Bodil aus Dänemark wieder. Sie ist 70 und in Dänemark losgelaufen. So führt der Camino am Ende alle zusammen. 🙂

So…und ich geh nun Duschen und dann ins Bett… Ohre Wuaaaah

Kommentare

2 Kommentare zu „Tag 8: … und manchmal bist du der Camino für jemanden…“

  1. Avatar von Federico
    Federico

    Ich grüße ganz lieb zurück.
    Ich finde deinen heutigen „Logbucheintrag“ sehr bewegend.

    Danke, dass du das teilst!
    Dir eine erholsame Nacht und einen weiterhin guten Camino.

    Federico

  2. Avatar von Rudolf
    Rudolf

    Auch mich hat der Blogeintrag sehr berührt. Sowohl das Gespräch mit Nicole als auch dass Bodil den Weg mit 70 geht.

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