Tag 37: Gebeutelte Hühner, nasse Füße und Viehzeug

Heute passt die Überschrift mal zum Inhalt und ich wette, ihr seid schon ganz gespannt.

Doch zuerst einmal erwachte ich überraschend spät um 7. Jeder Pilger hier weiß, dass das schon eine echte Sonntagszeit ist. Alle meine Mitpilger schliefen noch und so schlich ich nahezu geräuschlos wie ein Güterzug mit meinen Sachen aus dem Schlafraum und machte mich abreisebereit… Während ich solief, muss ich nen temporalen Flash gehabt haben, denn aufeinmal ging es gefühlte 10km bergauf in eine historische Altstadt und ich hatte vorher weder einen Berg noch eine Altstadt in der Stadt wahrgenommen.

Ehrlich gesagt wusste ich nicht, wo ich bin. Ich hatte keine Anhaltspunkte und war völlig hilflos. Ich war, offengestanden, total ahnungslos. Wo war ich nur?

Darum ging ich einfach den Weg weiter, der immer mehr bergauf ging und seit St Jean Pied de Port bin ich schon irgendwie steigungsgeschädigt. Ich hasste es. Ich hasste auch den Ort aus dem ich gerade kam. Aber ich hatte es aufgegeben, fremde Städte zu beschimpfen, seit ich im Nachhinein immer herausfand, was für ne wichtige historische Bedeutung sie hatten. Darum hasste ich im Stillen.

Überhaupt habe ich gemerkt, dass ich, abgesehen von einigen kleineren Hassinfarkten und Aufregern über unsinnige Wegführungen eigentlich ein recht ausgeglichener Mensch auf dem Camino war und bin. Ich nahm alles wie es kam und einige Male schimpfte ich darüber.

Nach dem ausgiebigen Regen gestern waren die Wege nass und da meine Schuhe mittlerweile Löcher haben, waren meine Füße bald nass.

Vor mir lagen 25km nach Portomarín und Feldwege und viel Wasser und Matsch.

Eine meiner Berühmten Slapstickeinlagen bahnte sich an, als ich nem matschigen Weg ausweichen wollte, indem ich auf ein Feld auswich, dass sich als ebenso matschig erwies, von dem ich aber nicht runterkam… Also lief ich querfeldein durch knöcheltiefen Matsch zu einem sumpfigen Feldweg, trat erstmal in einen gefühlt knietiefen Kuhfladen und watete dann durch Morast und Schlamm Richtung Straße, in dem Wissen erfolgreich einer Pfütze auf dem eigentlichen Weg ausgewichen zu sein. Der Hund des Bauern schien zu wissen, was ich für ein Trottel bin, denn er bellte nicht mal, sondern sah mich einfach verständnislos an. Ich erwartete, dass er resigniert den Kopf schütteln würde, wenn ich vorbeiging.

Doch ich ließ mir meine Würde nicht von einem nassen Wachhund nehmen und stiefelte trotzig weiter.

Und dann… Was war das? Da war so eine unerwartete Farbe am Himmel und es wurde unerwartet hell. Die Einheimischen traten auf die Straße und sahen ungläubig in den Himmel… Die Priester beteten und versuchten die drohende Strafe Gottes wegzubeten, doch dann gleisste ein helles Licht über den Himmel, die Einheimischen wimmerten und warfen sich angsterfüllt zu Boden… Doch so schnell, wie es kam, verschwand das Ereignis wieder und der Himmel war wieder grau und es nieselte leicht… Die Menschen atmeten erleichtert auf… Kein Wunder, dass sie hier Pflanzen und Elfen anbeteten, denn sowas wie Sonne, Sterne und Mond kennt man hier garnicht. Bei all dem Regen. Ich machte dennoch ein seltenes Bild davon. Sonne… In Galicien… Monn Djöh

Hier in Galizien stehen einem öfter mal bellende Hunde gegenüber und grad für nen Hundeschisser wie mich ist das oft problematisch. Heute wurde ich gleich zweimal angesprungen. Drei Mal waren Leute dabei und haben die Hunde zurückgerufen. Passiert ist nichts. Doch ich bin froh, Pfefferspray dabei zu haben auch wenn ichs nicht benutzen will… Aber oft sind die Hundebegegnungen für mich oft kritisch. Da war der Wolf in Granon angenehmer.

Ich sehnte mich jedoch nach ner Taverne und fand nach 2,5 Stunden auch eine. Ich bestellte dort ein Boccadillo mitEi und Käse und bekam ein fast unanständig krass riesiges Käseomlett, dass ich unwillkürlich Mitleid mit der Kuh und dem Huhn bekam und mir vorstellte, wie das Huhn, dass die Eier für das Omelett gelegt hatte, völlig entkräftet im Hühnerstall liegt, umgeben von den anderen Hühnern, die Mitleidig gucken und ein Huhn tätschelt den Flügel des Huhns und sagt:“Nein, es sieht nicht so schlimm aus . Der Doktor hat das ganz gut wieder hinbekommen.“ Die Mütter unter den Mitlesern hier wissen was ich meine…

Und dann kam die 100km Marke. Das war cool. Nur noch 100km bis Santiago… So weit bin ich schon gekommen. Viele wünschen sich an der Stelle ja, der Camino würde nicht enden, ich freue mich darauf, ihn erfolgreich beenden zu können. Auch wenn ich noch 1 oder 2 Monate könnte. Aber es ist toll… Ich habe es mir vorgenommen, durchgezogen und bringe es zuende… Saugut.

Galicien an sich ist schön, urig, wild und bergig und schön warm und nass. An sich n nettesFleckchen Erde. Sehr bäuerlich geprägt.

Es gibt hier mehr Dörfer als Städte scheint mir. Aber sehr verwunschenen und ursprünglich. Ich mags.

Und dann… Achso ja… Eigentlich wollte ich ja den „Ich war umgeben von Mitpilger“ Witz machen und dazu das Foto posten, aber das wäre gemein und ich glaube ich rieche viel schlimmer als die meisten hier.

Fakt ist: ich fand mich inmitten einer Kuhherde wieder. Und wir liefen alle gemeinsam den Weg lang. Für mich war es okay, für die Kühe war es okay, die Bauern und Hunde trieben die Pilger und Kühe gleichermaßen voran.. Das war ne coole Aktion und so lief ich 1 oder 2 km in ner Kuhherde rum. Eigentlich war es für alle eine Mordsgaudi und n cooles Erlebnis 🙂

Nass und mit ner Blase am Fuß kam ich in Portomarín an und frage mich, was diese Stadt jemals zur Weltgeschichte beigetragen hat?

Aber ich werde es nicht googeln.

4 Tage bis Santiago 🙂 schlaft gut.

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