
Heute berichte ich euch nicht von meinem Weg von A nach B, denn diesen Weg gehe ich jeden Tag. Man geht los und genießt die Landschaft und die frische Luft und die Vögel in den Bäumen und man denkt, daß ist etwas völlig Besonderes… Doch wenn man es jeden Tag hat, ist es Alltag. Dann wird Schreibtischarbeit und Buchhaltung oder Gartenarbeit etwas Besonderes.
Ich möchte mir aber das Besondere am Wandern bewahren und den Weg unter meinen Füßen und wie die Landschaft langsam vorbeizieht… Darum schreibe ich heute nicht, wie ich von Punkt A nach Punkt B gekommen bin.
Das einzig Besondere heute war eh nur, dass ich einen Wolf gesehen hab. Aber wer hat das nicht? Jeder hat schon einen Wolf gesehen, denn jeder hat eine Meinung darüber, wie Wölfe sind – gefährlich oder nicht, nützlich oder entbehrlich… Jeder hat dazu eine Meinung und kennt sich mit Wölfen aus. Also muss auch jeder schon einen gesehen haben. Der Wolf heute hüpfte und sprang ausgelassen auf dem Feld rum, sah mich, lief auf mich zu, hüpfte und lief in den Wald. Ich habe mir vorgenommen, keine Meinung über den Wolf zu haben. Er war freundlich und ich lasse ihn einfach Wolf sein. Sollen andere ihn irgendwie finden.

Heute war alles still und nebelverhangen und der Sand knirschte laut unter den Stiefeln. Ein Tag, an dem die eigenen Gedanken vom Nebel auf einen selbst zurückgeworfen werden. Ich möchte heute nicht über mich sprechen. Denn meine Gedanken hingen jemand anderem nach und es ist Zeit, dass eine Legende ihren Anfang nimmt. Die Legende vom Pilger mit dem gebrochenen Herzen.

Es war gestern Abend. Ich kam in Najera an und hatte einen Tag erlebt, der gut und aufregend war. Und ich freute mich auf eine Dusche. Der Hospitalero erzählte mir, dass gestern nur ein Pilger da war. Er hatte schon geschlafen und es war Nachts, da klopfte es an der Tür. Und da stand er. Der Pilger. Müde, hungrig und rastlos. Der Hospitalero machte ihm etwas zu essen und dann ging der Pilger schlafen. Er schlief einen rastlosen und unruhigen Schlaf, bevor er am nächsten Morgen aufstand und weiterzog… Kilometer um Kilometer. Jeden Tag. So viele er konnte und soviel er schaffte. Bis er spät Nachts an Herbergstüren klopfte und in einen Schlaf fiel, der ihm keine Erholung brachte.

Ich kannte ihn, ganz gewiss. Ich hatte ihn getroffen. In Pamplona oder anderswo. Er hieß Alex, da bin ich ganz sicher und er kam aus Russland, oder anderswo her. Er hätte überall her sein können. Als ich ihn kennenlernte, lächelte er mich an und streckte mir seine Hand hin und sagte: „Hi, ich bin Alex.“ Doch seine Augen lächelten nicht. In ihnen glänzte eine sonderbare Traurigkeit und ein stiller Schmerz, den man sah, den aber nur er fühlen konnte.
Er war 21 ein junger Mann und er fragte mich, wo der Supermarkt ist. Ich ging mit ihm gemeinsam und er erzählte mir von seinem Schmerz, den niemand lindern konnte. Er hatte sein Herz verloren und fand kein neues.
Er war 9, als er sie kennenlernte. Sie kam neu in seine Klasse und ihm gefielen ihre blonden Zöpfe. Er war immer eher ein stiller und schüchterner Junge gewesen, doch sie lächelte ihn so an, dass er ihr bereitwillig eines dieser Lächeln zurückschenkte, das frei war von Mauern und Masken, sondern dass einen zeigt, wie man wirklich ist. Sie verbrachten den Sommer zusammen, streiften durch die nahen Wälder und lagen zusammen im Gras und erträumten sich zusammen die Zukunft. Sie lachten gemeinsam und übers Jahr, während die Ähren auf den Feldern ihr spätsommerliches Gold annahmen, verband beide eine tiefe Freundschaft, unerschütterlich und fest. Und Alex war glücklich.

Er war 16, als er sie lieben lernte. Und sein Herz stand in Flammen und ihn durchströmten alle Feuer dieser Welt. Dieses tiefe, drängende Sehnen, dass einen in allem, was einen umgibt, etwas Besonderes sehen lässt. Zeichen und Hinweise. Im Rauschen der Blätter in den Linden spürte er den Traum mit ihr den Herbst zu genießen und sich im Regengrau zu verlieren. Und sie fühlte genau so. Und er schenke ihr sein Herz, denn seines fühlte genug für Zwei. Als sie seine Hand nahm und ihn mit dieser verlockenden Geheimnishaftigkeit anlächelte, vergaß er die Welt um sich herum und ging auf in einem Traum von Liebe und tiefem Gefühl. Seine Welt war perfekt.

Er war 20, als er sie vermissen lernte und sah, wie sie forging und ihre Hand in die Hand eines anderen legte. Und sein Herz nahm sie mit, auch wenn sie es nicht brauchte. Und er stand da und sah ihr nach und die Welt um ihn stürzte ein. Aus dem Rauschen in den Linden wurde ein Geräusch und alles, was ihn umgab war verlassen von ihr. Sein Herz hörte nicht auf zu schlagen. So heißt es immer. Nein, es schlug weiter. Doch Alex merkte, dass Menschen zwei Herzen haben. Eines voller Gefühlen, Träumen, Sehnsüchten und Gedanken. Tiefe Gründe und wilde Ozeane in brüllenden Stürmen waren darin. Tiefe Liebe und Tiefe Trauer. Und dieses Herz hatte er ihr geschenkt. Und das andere Herz war ein Muskel, der Blut durch unsere Adern pumpte und den Körper am Leben hält. Dieses Herz hatte er noch. Und es schlug und pumpte Blut durch ihn, doch alles Gefühl, was in ihm war, ging mit ihr und er blieb zurück in einer Welt aus Steinen und Geräuschen und Tätigkeiten, die nichts mehr waren, als bloße Realität. In ihm klaffte eine große, schwarze Leere. So viel, was sie einst war, war nun schwarz und kalt und leer. Und er schrie ihr hinterher und sank auf die Knie, doch sie lächelte in die Augen eines anderen.
Nichts konnte diese Leere füllen, nichts sie heilen. Sie gähnte in ihm und griff nach ihm und er war nurnoch ein verlorener Mensch in sich selbst. Er war verlassen und zerbrach in sich.

Und er lief los, auf der Suche nach einem neuen Herz, nach etwas, dass seine Wunden heilen konnte. Er durchstriff Wälder und Dörfer, in denen Rauch aus warmen Kaminen in den Winterhimmel steigt und er sah Sonnenaufgänge und hörte den Regen auf die Linden prasseln, doch nirgends fand er Heilung, oder ein neues Herz. Er fand nur sich selbst und die Leere in sich. Und seitdem wandert er und durchstreift die Welt mit einem stillen Lächeln für jeden, der ihn grüßt und traurigen Augen, in denen kein Lächeln ist. Und er kann nicht aufhören zu gehen. Tag für Tag. Woche für Woche. Bis sein Körper so erschöpft ist, dass er Schlaf findet.
Wie alt wird er sein, wenn er sie vergessen lernt?

Und jeden, den ich treffe, berichtet mir von ihm und seiner Traurigkeit und seiner Suche nach Heilung und so wandert er auf dem Camino und hofft auf Erlösung.
Und das einzige, was ihn retten kann, ist die reine und aufrichtige Umarmung einer unschuldigen und liebenden Seele. Nur sie kann ihm sein anderes Herz wiederbringen und auch seine Augen wieder lächeln lassen. So lehren es alle Legenden.

Vielleicht habt ihr ihn sogar mal getroffen, oder ihr trefft ihn noch. Und vielleicht sagt ihr ihm sogar, dass aller Schmerz vorüber geht, doch er wird es nicht hören. Er wird weitergehen bis es dunkel ist und erschöpft an Herbergstüren klopfen und in einen tiefen, erschöpfen Schlaf fallen, bevor er rastlos weiterzieht. Denn er ist Alex, der Pilger mit dem gebrochenen Herzen.

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